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12. November 2019

Das Leben in der Wilhelmsburg – einer Stadt in der Stadt – von 1944 bis 1988

Unsere Zeitreise beginnt im Oktober 1842 mit dem Spatenstich auf dem Michelsberg. Ulm sollte zu einer „Festung ersten Ranges und zu einem Waffenplatz“ ausgebaut werden und für eine mögliche Verteidigung gegen Frankreich dienen. Sie sollte zu einem Versammlungs- und Rückzugsort für eine etwa 100.000 Mann starke Armee werden. Nicht mehr als 7 Jahre dauerte die Errichtung der Wilhelmsburg als Reduit der Zitadelle der Festung Ulms. Doch was passierte dann? Wie wurde die Wilhelmsburg in über 170 Jahren genutzt?

Die Wilhelmsburg und die dahinterliegende Wilhelmsfestung sind der Kern der Festung, die sich als Mauer mit mehreren Werken um die ganze Stadt erstreckte. Durch die günstige Lage sollte sie zum Schutz der Stadt dienen und auch noch zu verteidigen sein, wenn alle anderen Werke der Umwallung erstürmt worden wären. Glücklicherweise trat dieser Fall nie ein.

Bundesfestung Ulm

Wir springen in das Jahr 1944:
Die Wilhelmsburg wird als Platz zur Kriegsproduktion genutzt: Unter dem Tarnnamen „Mechanische Werkstätten G.m.b.H. Ulm/Donau“ zog die Firma Telefunken mit der gesamten Belegschaft auf die Wilhelmsburg und nahm dort die Produktion auf. Die etwa 1.300 Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus Polen stellten hier elektronische Röhren her und mussten unter schlimmen räumlichen und hygienischen Bedingungen leben.

 

Nur ein Jahr später, im Jahre 1945, marschierten die Alliierten in Ulm ein und besetzten die Wilhelmsburg. So wurde durch die amerikanische Militärregierung aus der „Wilhelmsburg“ das „Ausländerlager“, auf Englisch „D.P. Camp Ulm/Wilhelmsburg“. Hier fanden zeitweise unmittelbar nach Kriegsende über 13.000 befreite Kriegsgefangene, ausländische KZ-Häftlinge sowie Fremd- und Zwangsarbeiter (auch Displaced Persons, kurz DPs genannt) ihren Platz. Da der Versuch, diese Menschen wieder in ihre Heimatländer zu bringen, nur sehr schleppend funktionierte, wurde die Wilhelmsburg zu einem „Durchgangslager“ für DPs verschiedener Nationalitäten. Das bedeutet, dass diese Menschen solange auf der Wilhelmsburg untergebracht wurden, bis sie entweder in ihre Heimatländer zurückgehen konnten oder auf andere Lager im Land verteilt werden konnten. Das führte zeitweise zu einer starken Belegung der Burg.

Die US Alliierten marschieren in Ulm ein

Dazu kam die Wohnungsnot in Ulm, die durch Bombenangriffe während des zweiten Weltkriegs entstanden ist und die Ulmer mit voller Wucht traf. Neben den in Ulm verbliebenen Einwohnern, die ihr zu Hause verloren hatten, hielten sich Ende April 1945 mehr als 15.000 DPs aus verschiedenen Nationalitäten in der Stadt auf. Im September 1945 wurden Wohnräume für über 8.000 Menschen benötigt.
Um die Einwohner Ulms vor möglichen Übergriffen durch DPs zu schützen, versuchte man diese vor allem in der Wilhelmsburg unterzubringen. Durch eine Sonder-Renovierungsaktion wurden Wohnungen auf der Wilhelmsburg geschaffen, die die der Deutschen gleichgestellt wurden.

Lebensmittelladen "Konsum"

So verwandelte sich ab November 1945 die Wilhelmsburg langsam in eine Siedlung mit einer eigenen Infrastruktur. Es entstand ein für jedermann frei zugängliches „Städtisches Wohngebiet“. Es gab eine eigene Verwaltung, ein Polizeiposten, eine Gaststätte, eine Schule und einen evangelischen und katholischen Kindergarten sowie mehrere Geschäfte und Gewerbebetriebe. Der erste Lebensmittelladen von der Konsumgenossenschaft öffnete bereits 1946. Kurz darauf folgte eine Milchhandlung, eine kleine Bäckerei, eine Metzgerei, ein Friseurladen, ein Schuhmacher und viele weitere Kleinbetriebe. Die Wilhelmsburg wurde nicht nur zu einem Gewerbestandort, sondern zu einer kleinen Stadt in der Stadt.

Zeitzeugenaussagen nach kann man sich ein Leben zu dieser Zeit auf der Wilhelmsburg so vorstellen: Jede Familie hatte ein eigenes Zimmer in einem langen düsteren Gang zugewiesen bekommen. Die „Wohnungen“ bestanden aus einem einzigen, etwas gewölbten Raum. Die großen Zimmer wurden durch Vorhänge oder Zwischenwände in Küche, Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer aufgeteilt. Die Waschküche mit Gemeinschaftstoiletten für mehrere Familien war um die Ecke. Die Toilette bestand aus fünf aneinandergereihten, abgetrennten Kabinen mit je einem Plumpsklo. Mit Eimern holte man aus dem ehemaligen Großwaschraum das benötigte Wasser für den alltäglichen Bedarf, dort wurde auch das Brauchwasser entsorgt. Mit einem kleinen Kanonenofen konnten die Bewohner das Zimmer beheizen und kochen. Lebensmittel konnten ab 1946 im KONSUM im Nordflügel gekauft werden. Allerdings war dies mit langem Schlange stehen verbunden. Für die Kinder war das ganze Gelände ein einzigartiger Abenteuerspielplatz. Sie hatten eine schöne Jugendzeit, ihnen hat es an nichts gefehlt, fasste der Zeitzeuge Lothar Kneer seinen Aufenthalt zusammen. „Wir fühlten uns frei wie die Vögel in der Luft.“, sagte die Zeitzeugin Rosa Schneider. Alle Türen waren unverschlossen, keiner hatte einen Schlüssel, denn sie hatten keine Angst beklaut zu werden. Sie hatten ja nichts, was ein Dieb hätte gebrauchen können.

Eine erneute Wende brachte das Jahr 1953. Die Bundesvermögensverwaltung vermietete die Wilhelmsburg an das Regierungspräsidium Nordwürttemberg als Flüchtlingslager. Es entstand das größte Flüchtlingslager Westdeutschlands. Warum das größte? Die Aufnahmekapazität lag bei 3.500 Personen, die bereits im Oktober 1953 mit 3.878 Personen überschritten war! Bis zum Jahre 1960 mussten Familien bspw. einen 60 Quadratmeter großen Raum mit zwölf fremden Personen teilen. Mit fast 20 Matratzen war der Eichenholz-Parkettboden dicht ausgelegt. Die einzelnen Familien grenzten sich durch aufgehängte Decken voneinander ab. Im ersten Stock standen Stockbetten und ein Ofen in den Zimmern. Im Gang waren Waschtröge mit kaltem Wasser. Die Verpflegung erfolgte über eine Sammelverpflegung. Das Kochen im Zimmer war verboten. Es gab Waschräume mit einem Waschbecken neben dem anderen und Gemeinschaftstoiletten. Es gab elektrisches Licht und ein paar Steckdosen. Mehrere Duschen gab es außerhalb der Wilhelmsburg. Hier wurden Duschzeiten festgelegt. Es durfte einmal wöchentlich, Mädchen und Buben getrennt voneinander, geduscht werden. Die sanitären Verhältnisse waren aufgrund der Auslastung katastrophal. So beschreiben Zeitzeugen die Situation während dieser Zeit.

Lager Wilhelmsburg

Ab dem 26. September 1960 wurden die Räumlichkeiten nicht mehr als Flüchtlingslager, sondern als Unterkünfte und Dienstzimmer für die Bundeswehr genutzt. Es entstand die „Wilhelmsburgkaserne“. Doch der bauliche Zustand der Wilhelmsburg verschlechterte sich durch eindringende Feuchtigkeit. Auch militärisch hätte das Reduit der Wilhelmsburg durch die Bundeswehr langfristig nicht mehr genutzt werden können. Die hohen Instandsetzungskosten waren für die Bundeswehr untragbar, weshalb die Festungsanlage 1982 zum Kauf angeboten wurde. Da sich niemand zum Kauf finden ließ, wurde das Reduitgebäude der Wilhelmsburg sowie ein weiteres Gebäude der Stadt Ulm im Jahre 1986 per Übernahmevertrag für einen symbolischen Wert von einer Mark übergeben. Die Bundeswehr baute die damals neue Kaserne auf dem Grundstück hinter der Wilhelmsburg aus.

Um die Festung vor dem Verfall zu sichern wurde sie 1988 teilsaniert. Durch die Sanierungsarbeiten in Höhe von 8 Mio. DM war das Bauwerk in seiner Substanz gesichert. Ein weiterer Ausbau unterblieb zu dieser Zeit.

Seit 2016 werden die alten Gemäuer der Wilhelmsburg wieder Schritt für Schritt belebt und in die Stadt „integriert“.

 

(c) Alle Bilder sind vom Stadtarchiv Ulm.

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